==================================================================== Heimo Claasen / Diskussionsbeitrag IMD-Kongress Frankfurt/M. 12.6.98 ==================================================================== "Browser War": Der Einbau von Techno-Ideologie in Hard- & Software ------------------------------------------------------------------ Es geht hier darum, wie mit dem "Krieg der Browser" auch Ideologie in die Technik von Hardware und Software eingebaut wird, und darum, dass dies im Effekt eine Menge von gegenw„rtigen und m”glichen Gebrauchern von Zugang und Nutzung des Internets - genauer des "World Wide Web" -, ausschliesst. Es geht um den qualitativen Schritt der Ver„nderung dieses WWW von einem Werkzeug der Informations-Vermittlung zu einem (pseudo-)graphischen Pr„sentations-Mittel. Es geht dabei nicht so sehr um Zug„nglichkeits-Unterschiede als solche: auf der Hand liegt die riesige Ungleichheit zwischen reichem Norden und den Sd-L„ndern; aber die sind einige der Eckpunkte hier. Und es soll dies schliesslich auch eine normative Anforderung zur politischen Regel-Setzung sein, und nicht nur der Versuch einer stichhaltigen Analyse. Die These hier setzt sich aus vier Teilen zusammen: (1:) Die Durchsetzung von haupts„chlich aus graphischen Elementen aufgebauten Web-Inhalten, und von Zugangs-Mitteln, mit denen sie auch (nur) so betrachtet werden k”nnen, wie ihre Anbieter das erzwingen wollen, hat erhebliche materielle Voraussetzungen und Folgen: -- das forcierte Auswechseln des Ger„teparks und der Betriebsmittel (Software wie Kenntnisse im Umgang damit); -- eine immense Zunahme der Netzbelastung, der "Transporte"; Mit, im Ergebnis, einer Marginalisierung, wenn nicht gar prinzipiellen Ausgrenzung, eines erheblichen Teils der Netz-™ffentlichkeit, der bestehenden wie der m”glichen. (2:) Im Zuge dieser Durchsetzung wird das Web "privatisiert": teils direkt fr die Art und Weise seiner Nutzung, teils in seiner Organisation. (3:) Zur Privatisierung des Gebrauchs-Zugangs - ber das Werkzeug "Browser" - geh”rt aber auch eine qualitative Ver„nderung des Gebrauchs selber: von der Freizgigkeit des Nutzer-Umgangs mit zug„nglichem Material zu einer tendentiell einzig vom Anbieter in allen, vor allem auch jeglichen formalen Aspekten bestimmten "Pr„sentation", der dann nur noch passiv zu folgen ist. (4:) Dieser Vorgang schafft (sich), und braucht zu seiner Durchsetzung, eine regelrechte "Ideologie" - dies Wort also im Sinne eines "echt falschen" Bewusstseins: eine "Techno-Ideologie", deren platte Umsetzung geradezu als Techno-"Rassismus" auftreten kann. Dem soll schliesslich entgegengesetzt werden, dass die Aufrechterhaltung eines Mindest-Kriteriums an Zug„nglichkeit der Web-Inhalte fr Text-Browser weitergehenden und positiven Einfluss auf die Zug„nglichkeit des Web berhaupt haben kann. Trotz aller m”glichen Redundanz ein paar technische Begriffs-Kl„rungen: Die gern und zielbewusst gemachte Konfusion NET=WEB kommt nicht von ungef„hr: sie hat genau mit dem Ideologie-Aspekt zu tun. Das "World Wide Web", WWW oder meist eben "Web" genannt, ist nur eine der Internet-Funktionen, neben Telnet, Mail, Usenet, Gopher, IRC ("chatten"), diversen Server-internen Diensten (Finger, Ping/ICPM, Zeitangaben etc), schliesslich die Web-Funktion HTTP, "HyperText Transfer Protocol". Wobei sich diese Web-Funktion wieder in zwei Bereiche aufgliedert, einmal die inhaltliche Darstellung an den "Endstellen" - denen, die Daten bereitstellen, und denen, die darauf zugreifen wollen - mit Elementen der Auszeichnungs- Sprache HTML, sowie die Befehlssprache HTTP zur Vermittlung der Funktionen an die Server, und zum anderen dann auf Server-Seite der Befehlssatz und die dazugeh”renden Rechner-Programmfunktionen (CGI), mit denen die "Hyperlinks" und andere Textauszeichnungen nach HTML in die entsprechenden Operationen bersetzt werden, eine andere Seite heranzuschaffen oder ein "Form(ular)" auszufllen. HTML als Unter-Einheit der "Standards zur Allgemeinen Dokumenten-Auszeichnung" SGML wird von der inzwischen eigenst„ndigen Organisation W3C bestimmt, HTTP und CGI sind als Normen der ITU definiert und ein ”ffentlicher Standard. Historisch wie funktional war HTTP ein spezifischer Satz von Befehlen zur Bereitstellung von Dateien nach dem File Transfer Protocol (FTP), das schon vorher bestand. Die Verknpfung dieses Befehlssatzes mit Elementen der Seitenbeschreibung (nach SGML), und ihre Verwendung in Programmen zur Bildschirm-Darstellung der "Seiten", den "Browsern" oder "Bl„tterern", ergab dann die neue Funktionalit„t, Anfang der 90er Jahre am zwischenstaalichen westeurop„ischen Forschungszentrum CERN entwickelt, und es war von Anfang an als offener wie ”ffentlicher Zugang zu ebenfalls offenen Archivier-Stellen bedacht, und zuerst ber Rechnerverbund betrieben worden. Die ™ffnung des urpsrnglich milit„rischen ARPA-Verbundnetzes, zwar in ”ffentlicher Regie betrieben, aber nicht ”ffentlich zug„nglich, und Anbindung anderer, offener Rechnernetze, und daraus die Entstehung des WWW, ist oft genug beschrieben. Weniger hingegen zwei wesentliche Privatisierungs-Einschnitte auf regulativer Ebene: Die Kartellisierung der Instanz zur WWW-Standardisierung zum "W3C" mit der Mitgliedschaft grosser Hardware- und Software-Konzerne; und die šbergabe (1995) seitens der US-Regierung, von zentralen Funktionen im Web, n„mlich die der Regelsetzung und gleichzeitig des Betriebs von Referenz-Knoten-Rechners, von der im Rahmen einer ”ffentlichen Universit„ts-Einrichtung betriebenen obersten Beh”rde fr die Namens-Vergabe im gesamten Netz, InterNIC, an die Privatfirma Network Solutions Inc. (Anm.: NSI geh”rt zur US-Holding SAIC, einem hochgradig milit„rischen "Sicherheits"-Unternehmen; es gab promt Probleme beim šbergang vom universit„tsbetriebenen InterNIC zu NSI, weil NSI sein Regime mit "Sicherheit"-šberprfungen bei Domain Name Registrierungen begann.- Auf die DNS-Diskussion in USA, und zwischen EU und USA, kann hier nicht eingegangen werden; vgl. dazu: Martin Recke, "Die Domain-Namen-Debatte: Das Internet im Zugriff der Politik") Als Begriff soll "Privatisierung" hier hier ein Stck mehr bedeuten als lediglich Kommerzialisierung: dass *im* Internet *auch* kommerzielle Trans-/Aktionen stattfinden, ist etwas anderes als die šberfhrung von ”ffentlichen Bereichen und Funktionen in private Regie und unter die Verfgbarkeit von Privat-Interessen, ob diese nun kommerzielle sind oder nicht. Schliesslich scheint nicht unerheblich, dass die ersten WWW-Browser ebenfalls im ”ffentlich- universit„ren Bereich entstanden sind, z.B. die Vorl„ufer eines der ersten Text-Browser (jetzt Lynx), und des ersten "Graphik"-f„higen Browsers Mosaic (aus dessen Programmierergruppe sich Netscape rekrutierte). Die mit der Browser-Entwicklung in der Folge verbundenen "Innovationen" waren jedoch von anderer Art, als was darunter gemeinhin im Blick auf Technologien verstanden wird - die Auto-Geschichte besteht aus Innovationen, und der neueste Crymler enth„lt sicher viele davon im Vergleich zu Ford"s Tin Lizzy, aber allenfalls beim Elchtest gibt es Žhnlichkeiten zwischen Mercedes und Microsoft. Denn w„hrend eine funktionsf„hige Tin Lizzy noch heute von K”ln nach Frankfurt gefahren werden kann und darf, gleichen die mit den "Graphik-f„higen" Web-Browsern eingefhrten Bedingungen fr den Web-Verkehr eher solchen, auf ”ffentlichen Strassen nur BMW und Benz fahren zu lassen, aber keine Japaner, Volkswagen, oder 2CV; von Fahrr„dern ganz zu schweigen. Der Umschlag von graduell zu qualitativ spielt dabei eine Rolle in der Herausbildung von "Techno-Ideologie": die Setzung zusammen mit der Akzeptierung dessen, dass eine - vorgebliche - "Spitzen"-Technologie auch die allgemeine-soziale Grundlage fr Regel-Setzung sei, geht mit den realen Markt- und Marketing-Vorg„ngen einher, und bestimmt frs Web den Zugang und die Art des Gebrauchs. Seit der ™ffnung des Internet gab es die Tr„ume und Utopien vom "universellen" Zugangs-Instrument: zur "Bibliothek der Menschheit" ebenso wie zur Reichweite (zwischen jedem und allen, "das globale Dorf"). Der Netz-Enthusiasmus enth„lt, oder enthielt zumindest, immer auch die Vorstellung der unbegrenzten Zug„nglichkeit, des šberwindens von Grenzen und Distanzen, geographischen wie sozialen und kulturellen. So manches davon wird jedoch allein schon von der Ungleichheit banal materieller Voraussetzungen l„diert, z.B. im Gef„lle Nor/Sd, Stadt/Land: Das einzig vernnftige Wort bei einem bombastischen Reklame-Kongress der EU und G7 fr Informations-Technologie in Brssel vor drei Jahren kam vom sdafrikanischen Vizepr„sidenten Thabo Mbeki; der erinnerte daran, dass mehr als die H„lfte der Menschheit noch nie einen Telefonanruf gemacht hat, und dass es allein im New Yorker Stadtteil Manhatten mehr Telefon-Anschlsse gibt als in ganz Afrika sdlich der Sahara. Die Satistik der ITU (Int. Telecomm. Union, ex-CCIIT, Fachorganisation der UN) z„hlt fr die meisten Dritte-Welt- L„nder, wenn berhaupt, dann allenfalls einen ISP auf. (cf. Uwe Afemann 1997) Doch auch im bestentwickelten Norden ist Ungleichheit der Infrastruktur die Regel, z.B. bezglich Stadt/Land. Eine jngere US-Untersuchung fand, dass von den Voraussetzungen her 13 % der US-Amerikaner gar keinen oder nur schwierig berhaupt Netzzugang h„tten - allemal die in l„ndlichen, abgelegenen, oder dnn besiedelten Gebieten wohnenden. Es sei also "eine Ente, dass das Internet die Distanzen in den USA vermindern k”nnte. Zumindest im Frhjahr 1997 galt dies allenfalls fr st„dtische, nicht fr mehr abgelegene Gegenden," schloss Shane Greenstein auf dem Harvard-Internet-Symposium von 1997. In dichtbesiedelten EUro-L„ndern wie Deutschland kann freilich genausogut eine enstprechende Telekom-Gebhren-Gestaltung das entsprechende Gef„lle schaffen. Zugang ist durchaus ein knappes Gut - und entsprechend sind die Preise: In Kinshasa verlangt derzeit der einzige Provider fr ein monatliches Abonnement volle 5.650 US-Dollar; anderswo in Dritte-Welt L„ndern sind Online-Kosten von 20 bis 30 US$ durchaus keine Seltenheit. Die wenigen direkt oder indirekt Netz-Angeschlossenen sind dort gehalten, entsprechend sparsam mit dem Zugang umzugehen - das Stichwort hier ist "Bandbreite". Logischerweise arbeitet Healthnet, das ber Satelliten-Funk Kliniken in tropischen L„ndern Afrikas und Lateinamerikas ans Internet anbindet, strikt auf Text-Basis. Das schliesst die šbertragung beispielsweise von Mikroskopie-Fotos nicht aus, wenn das n”tig ist, wohl aber die Aufbl„hung von gew”hnlichen Mitteilungen durch irrwitzigen Overhead an Datei-Formatierung, sinnlosen Logos und dergleichen. Ungleichheit der Ausstattung ist ein weiteres Kennzeichen z.B. im Nord/Sd- Verh„ltnis. G„ste in den jeweiligen Hiltons und Intercontinentals in tropischen Hauptst„dten oder bei wohlbestallten europ„ischen Hilfsorganisationen lassen sich manchmal auch von deren Computer-Ausstattung beeindrucken. Doch die Regel der PC-Penetranz (soweit davon in Uni-Instituten wie besser gestellten Haushalten die Rede sein kann) zeigt ein anderes Bild - der vergleichsweise gut beschickte Markt in westafrikanischen Kstenst„dten besteht vor allem aus 2.-Hand-Ger„teteilen und Auslaufmodellen der „lteren Art. Web-Teilnahme, wenn berhaupt die strukturelle und ”konomische Barriere des Zugangs zu berwinden ist, wird dann nur mit den sparsamsten Mitteln m”glich, sowohl hinsichtlich Ausstattung wie Betriebsweise. Und fr diese beiden Faktoren setzt die neueste Browser-Generation die Eintrittschwelle um gleich ein ganzes Stockwerk h”her. Das gilt zudem fr die Betriebskosten, wenn kommunikations-dominante Nordl„ndler ihren sdl„ndischen Partner unversehens fr eine eMail gleich ein Vielfaches der Verbindungsgebhren fr die dreifache Sendung (notabene des gleichen Texts) mit automatisch hinzugepacktenm und vielfach byte-volumin”seren "Rich"-Text-Formaten und nochmals dazu als HTML-formatiertes "Dokument" aufbrden. Inh„rente technische und ”konomische Bedingungen sorgen dafr, dass die Bedrfnisse von "Minderheitsgruppen" allemal im Nachzug gehalten werden; ein an sich trivialer Mechanismus ("neue" Dinge sind zuerst selten), der aber als ein per Software beschleunigter, und sich wiederholender Prozess hier zur systematischen Ausgrenzung von "Rand"-Gruppen fhrt. So wurde fr Seh- und andere Behinderte die Peripherie fr Braille- und Sprach-Ausgabe auf den, und fr die, ersten PC-Generationen (XT, AT-286) entwickelt und in dem Moment verfgbar, als die "Spitze" der neuen PC-Generationen (aufbauend auf die 80386/486-Prozessoren) auf den Markt kam. Die - auch heute noch „usserst teuren - Ausgabe-Ger„te und -Programme funktionieren mit den "neueren"="schnelleren" Ger„ten (=386+) zwar duchaus besser, und einige der Ausgabe-Programme (Sprache, breite Braille-Tafeln) brauchen durchaus Pentium-"Power", um ertr„glich zu sein. Graphik freilich ist damit nicht darstellbar, nur der Text-Gehalt von Bildschirm-Inhalten; soweit die eben im Web erreichbar sind. Mit erheblichem Aufwand - allemal auf ”ffentliche Kosten (mit Zuschssen der EU und des Bundeministeriums fr Forschung und Technologie) werden nun gegenw„rtig (Uni Paderborn/Siemens) Programme entwickelt, die beispielsweise die von Web-Browsern Pixel-graphisch dargestellten und eingef„rbten Textbuchstaben wieder in Text-Bytes zurckwandeln sollen, die dann als Braille oder Sprache ausgegeben werden k”nnen. Um den Verlauf der verschiedenen wirtschaftlichen, technischen und sozialen Barrieren der Web-Nutzung aufzuzeichnen, w„ren nun ein paar Daten zum Zeitablauf der Vermarktung von "neuer" Hard- und Software, zu den Ger„te- Best„nden, und zu Umfang, Nutzungs-Art und -Voraussetzungen seitens der Internet-"Gemeinde" von Interesse. Doch die Statistiken der Branche haben eher die Adenauer"sche Definition von Wahrheit als einer h”chstenwickleten Form des Gegenteils. Die Vermarktung des INTEL-"Pentium"-Prozessors begann 1995, der darauf zugeschnittenen Software, Microsoft-"Windows-95" im gleichen Jahr; obwohl auch frhere Versionen von Netscape und MS-IE schon "eigene", so genannt "propriet„re" Funktionen enthielten, kam der "Browser War" erst auf dieser Grundlage von Hard- und Software so richtig in Gang. Der "Durchbruch" des WWW als Publikums-Medium war kaum „lter und wird allgemein auf Anfang 1994 datiert. Wesentlich schwieriger wird es schon, fr diese Zeitpunkte und vor allem: die Zeit seitdem, den Bestand an tats„chlich genutzten Computern und deren Netz- und Web-F„higkeit bzw. deren tats„chliche Netz-Anbindung festzustellen. Die Daten grnden sich ausschliesslich auf Hochrechnungen der Verkaufszahlen, die von der produzierenden und vertreibenden Branchen zu Werbezwecken abgegeben werden; kaum eine verl„ssliche Grundlage dafr, die tats„chlichen Voraussetzungen des Web-Zugangs und -Gebrauchs einzusch„tzen. So ist die Angabe von Microsoft, deren "Windows Betriebssystem" sei "in 85 % aller Computer weltweit" eingerichtet, schlicht unvereinbar mit der eines anderen Betriebssystem-Lieferanten, wonach "67 % aller gewerblich benutzten Desktop-Computer immer noch mit DOS" oder der frheren DOS/Windows- Einrichtung liefen, mit der die neueren Browser-Versionen nicht anwendbar sind. Halbwegs bereinstimmende Sch„tzungen bezifferten den weltweiten Bestand an PC zur Zeit des WWW-Durchbruchs (Ende 1995/Anfang 1996) auf rund 130 Millionen Einheiten, davon 60 Millionen in den USA. Diese Berechnungen sttzten sich auf die Verkaufszahlen - und auf eine ziemlich fragwrdige Annahme einer Ger„te-Ersatz-Zeit von "durchschnittlich 2,3 Jahren", die aus h”chst selektiven Erhebungen (allein fr Firmen-/Bro-Ausrstung) abgeleitet war. Die ebenfalls Mitte der 90er Jahre beginnende Dabatte ber den umweltgef„hrdenden Computer-Mll brachte jedoch ganz anderer Daten zur tats„chlichen Lebensdauer der Ger„te zutage, n„mlich in der Gr”ssenordnung von 4 bis 5 Jahren; dies wiederum wrde ein sehr anderes Verh„ltnis im Gebrauch von "alten" PC zu neuverkauften ergeben. Der gesamte (und wachsende) Bereich von Grauchthandel, und schon gar der (betr„chtliche) Anteil von Altger„ten, die aus den zentralen Industriel„ndern in die Markt-Peripherie exportiert werden - nach Osteurpa, Afrika und Lateinamerika - fallen aus dem schiefen Bild dieser Marktdaten ganz heraus. So gut wie der gesamte westafrikanische Computermarkt z.B. besteht aus Gebrauchtware aus Europa. Dort ist die hier einzig verkaufte "Spitzen-Technologie" selbst fr bessergestellte Leute, ”ffentliche Einrichtungen oder Privatfirmen schlicht unerschwinglich. Dies in acht genommen, und selbst mit der Annahme, dass von den nach 1996 neuverkauften Einheiten so gut wie alle auch mit dieser neuesten Prozessor-Generation ausgestattet gewesen w„ren (was sicher nicht der Fall war), sowie dass schlicht alle dieser Neuger„te mit MS-Windows bestckt w„ren (was noch weniger zutr„fe), l„sst immerhin die Aussage zu, dass ein "signifikanter" Teil des in Gebrauch befindlichen Bestands an PC technisch nicht geeignet ist, die neuere Generation der Browser-Software zu benutzen. Noch schwieriger wird der Versuch einer Absch„tzung der tats„chlichen Verwendung von Betriebs-Systemen und Netz-Nutzungs-Arten. Einige (wenige) jngere Erhebungen versuchen ann„herungsweise, die Art und Bereich der tats„chlichen Computer-Nutzung zu erfassen. Eine derartige Untersuchung, die offensichtlich auch als Daten-Basis der EU-Kommission fr ihre "Politik der Informations-Technologie" dient, h„lt jedoch noh nicht einmal fr n”tig, die Grunddaten des Erhebungsumfangs und andere elementare Daten zu berichten, womit die hochgerechneten Gesamtdaten eher illusorisch werden. Angefhrten Tabellen sind zudem untereinander meist nicht vergleichbar. Wo dies fr einzelne Angaben doch m”glich ist, wird es interessant: So wird die Anzahl der Haushalte, von denen gesagt wird, sie w„ren mit PC und mit Modem ausgestattet, mit fast der H„lfte mehr angegeben als die Abonnementszahlen von Zugang- und Dienstleistungs-Anbietern (deren Erfassung freilich wiederum sehr schief ist, n„mlich beschr„nkt auf einige der grossen komerziellen Dienste). Selbst wenn jedoch ein Teil der Nicht-ISP-Abonnenten ihre Modems lediglich zu spezifischen Aufgaben (wie direkte Verbindung zwischen Haus und Arbeitsplatz) nutzte, bliebe immer noch ein erheblicher Rest, der auf andere Nutzung schliessen l„sst, z.B. nicht-kommerziellen Internet-Zugang. Erhebungen der Art, "Wie oft haben Sie (im letzten Monat/letzteWoche) Gerauch gemacht von (Internet, Mobiltelefon, CD-ROM, etc)" ergeben selten besser brauchbare Daten. Einde deutsche Marktforschungs-Studie fand beispielsweise, dass "Windows-95 auf der H„lfte der PCs (von befragten Personen) l„uft, eine „lteres Windows auf einem Viertel der PC, w„hrend 11,3 % reine DOS-Anwendungen gebrauche, 3 % Macintosh haben, und 4 % nicht wissen, welches Betriebssystem ihre PC benutzen." Dies erscheint ganz offensichtlich als unvollst„ndig oder falsch, allein schon deswegen, weil das gerade auch in Deutschland viel verbreitete Betriebssystem der UNIX-Familie schlicht nicht auftaucht (manche Sch„tzungen gehen bis zu 10 % dafr selbst ausserhalb der intitutionellen Anwendung in Universit„ten oder Verwaltungen). Schon gar keine verl„ssliche Daten sind ber weiter Regionen der brigen Welt zu finden, wie Afrika oder Indien. Doch so unvollst„ndig und unzuverl„ssig sie auch sind, machen die erreichbaren Angaben zumindest die qualitative Aussage m”glich, dass ein erheblicher Teil des (m”glichen, wenn nicht gar tats„chlichen) "Netz-Publikums" vom Gebrauch des Web ausgeschlossen wird, wenn die WWW-Inhalte so ausgelegt werden, dass sie nur mit den jeweils neuesten Eigenschaften der "fortgeschrittenen" Browser-Versionen des Duopols Netscape/Microsoft zug„nglich werden. Der mitunter zu h”rende Einwurf, das Problem "alter" Ger„te l”se sich sozusagen von selbst, missachtet dabei prinzipiell zweierlei: Zum einen wird der tats„chliche Bestand und Gebrauch "alter" Technik systematisch untersch„tzt; zum zweiten verkennt er prinzipiell die Systematik, mit der die JEWEILS "neue" Technologie, insbesondere der Software, also der Browser, Inkompatibilit„t mit den bis dahin zuvor genutzten Techniken GEZIELT erzeugt. Dieser letztere Mechanismus ist konstituierendes Element der Monopolbildung, und Beispiele dafr finden sich in der Branche zuhauf. TECHNO-IDEOLOGIE Im Vorgang der Browser-"Innovation", in dieser Markt-Konstellation, sehe ich eine Ideologie am Werk, die der Definition eines "notwendig falsches Bewusstseins" folgt (und dies zu seiner Durchsetzung braucht): Die jeweils "neueste" (Informations-)Technik ist das, was "ist", und wird als "allgemein gltig" angenommen. Das folgt einer ausschnitthaft rationalen Sicht, das jeweils Neuere sei das (technisch) Bessere und (darum) gut; und der nicht hinterfragten Annahme, diese "bessere" Technik beinhalte sozusagen als "h”here Entwicklungsstufe" auch die Grundgesamtheit der vorher gebr„uchlichen Technik-Funktionen. Mitunter sind Manifestationen dieser Ideologie grotesk: Ein Netz-Korrespondent bekam von einem "grossen" Internet-Dienstleister zu h”ren, dass er einen allein mit DOS funktionierenden Browser nicht benutzen k”nnte. Auf seine Angabe, dass er so ein Programm h„tte, sagte ihm jemand bei einem anderen Provider, dass er wohl spinnen wrde; und weiter w”rtlich: "Als ich ihm zu erkl„ren versuchte, ich sei ein blinder Computer-Gebraucher, sagte er, ich k”nnte wohl kaum damit umgehen, und ich sollte auf jeden Fall vergessen, irgendwas mit dem Web anfangen zu wollen." Vielleicht w„re ja noch hinzunehmen, mit dem falschen Outfit oder falscher Hautfarbe nicht in eine Vorstadt-Disco hineingelassen zu werden. Die Sache kriegt einen anderen Charakter im Fall ”ffentlicher Informationen von ”ffentlichen Instanzen. Typbeispiele sind ausgerechnet die Europa-Instanzen: Einige ihrer WWW-Adressen, und allemal mit reinen Text-Inhalten, sind nicht erreichbar ohne die neueste Version der Netscape oder Microsoft Browser - und gerade auch die des Europ„ischen Ombudsmans, der ersten Adresse, sich darber zu beschweren. Darauf angesprochen, antwortete in Namen der EU-Kommission der "Information Resources Manager" des Bereichs ™ffentlichkeitsarbeit w”rtlich und mit einer von jeglicher Reflektion ungetrbten Ignoranz: "Tatsache ist, dass Netscape und Internet Explorer ber 90 % des Marktes fr Browser beherrschen, w„hrend die (text-)zeilenlesende Alternative, Lynx, ann„hernd 1 % erreicht. Fr die (EU-)Kommission ist es deshalb sehr schwierig, die zus„tzlichen Ausgaben zu rechtfertigen, die Datenbest„nde so zu ver„ndern, dass sie fr eine derartige Minderheit von Gebrauchern im Markt voll brauchbar sind. ... Wenn der Markt entscheidet, dass nur Netscape und Internet Explorer berleben werden, dann is es nicht Sache der Europ„ischen Kommission, diese Situation zu „ndern." In dem Mass, wie ”ffentliche Stellen vornehmlich - oder gar einzig - ihre Informationen bers Web kundtun, bekommt die Frage der Zug„nglichkeit (oder Erreichbarkeit) auch einen f”rmlichen Charakter. Von einem gleichgewichtigen Verh„ltnis zwischen Web-"Operateuren" und Web-"Nutzern", wie in der liberalen Markttheorie, kann ohenhin nicht die Rede sein, obwohl auch diese Behauptung oft in die Techno-Ideologie eingebaut wird: Die zu benutzende Technik wird ausschliesslich von den "Operateuren" bestimmt - und da wiederum den administrativen "System-Managern" eher als den Betriebstechnikern -, der h”chst indirekte Feedback von zutreffend als "End-User" bezeichneten Gebrauchern des Web und seiner Technologie hat allenfalls marginalen Grenznutzen in der Verkaufs-Satistik von Ware und "Diensten". Eine derartige ideologische Disposition aufzuheben, ist nun nicht einfach eine Frage von "awareness", von bewusst-machen; ein paar wohlmeinende Ratschl„ge an Web-Autoren ber den Gebrauch von HTML-Auszeichnungen mit Hinblick auf Blinde als Web-Teilnehmer beispielsweise reichen wohl nicht, wenn nicht eine politische Regelsetzung ein Mindestmass an Sicherheit vorm šberfahrenwerden fr die grosse Gesamtheit von "Minderheiten" zu erreichen suchte. Ich sehe deshalb Grnde dafr, als Mindest-Standard einer mindesten Zug„nglichkeit von ”ffentlichen Web-Inhalten - und das sind im Prinzip und per definition alle "prim„ren" (oder Eingangs-) WWW-URLs, die "ins Netz gestellt" werden - das Kriterium der Lesbarkeit mit Text-basierten Browsern einzufordern. (Das schliesst, dank des HTML-Entwurfs, graphischer Inhalte keineswegs aus, macht sie als zus„tzichen Nutzen fr alle die zug„nglich, die ber die dafr n”tigen Instrumente verfgen.) Diesen Grnden liesse sich eine Art "objektive Interessen-Koalition" zuordnen: -- der (gr”sste) Teil der sdlichen Welt, der immer hinsichtlich der Infrastruktur-Verfgbarkeit und des relativen Aufwands fr den Web-Zugang benachteiligt bleibt; -- der (betr„chtliche) Teil der n”rdlichen Welt, der an einer forcierten Pseudo-"Innovation" nicht teilnehmen kann oder gar nicht will; -- die Behinderten in aller Welt, voran die Sehbehinderten, die von derart diskriminierender Innovation "technisch" immer wieder aufs neue ausgegrenzt werden; -- vielleicht sogar einige der Leute auf "Schlsselpositionen" im IT-System, die noch einen Begriff fr technisch-”konomische Rationalit„t haben. Die entscheidende Rolle - und damit auch die Chance zur Einflussnahme dieser "Koalition" - f„llt dem Regel-Setzer des "”ffentlichen" Raums zu (und damit nicht zuletzt auch der Bestimmung der Grenze zwischen "”ffentlich" und "privat"). Es gibt immerhin Beispiele, dass dies durchaus funktionieren kann: Allein die Existenz des "Americans with Disabilities Act" (und die in der Netz-"Kultur" vorhandene Kenntnis ber Alternativen) mag dazu gefhrt haben, dass in den USA - und schon gar im kultur-sozialeren Kanada - kaum eine Web-site es wagt, Besucher mit Text-Browsern einfach abzubrsten oder in ein schwarzes Loch fallen zu lassen. In der BRD freilich ist anscheinend noch nicht einmal eine positive Verfassungs-Vorschrift ausreichend (GG Art.3, Abs.3), um eine eklatante Praxis von Diskriminierung zu verhindern. Dahingegen hat sogar die von den "Browser-Warlords" mitkontrollierte Regulier- Instanz des Web, das W3C, inzwischen selbst die "zwingende Empfehlung" ausgegeben, Web-Seiten auf ihre Lesbarkeit (also Zug„nglichkeit) fr Text-Browser zu prfen, wenn sie kompatibel zum gltigen Standard sein wollen. Die Leute vom Web-Consortium haben das ausdrcklich damit begrndet, dass eine derartige Selbst-Regulierung allen Beteiligten "umst„ndliche juristische und gerichtliche Auseinandersetzungen" ersparen k”nnte und sollte. ====ende txt==== ANM.: Belege, Fussnoten und ausfhrlichere Anfhrungen von Daten (Stand Mitte 1998) wie in URL http://www.inti.be/hammer/access3.htm - in der berarbeiteten Fassung des Texts hier oben sind die richtigen Einh„ngungen leider verschtt gegangen ! Da die Korrektur zu viel Zeit braucht, die ich im Augenblick nicht habe, werden die englischen endnotes hier erst mal angeh„ngt; immerhin ist die Reihenfolge einigermassen synchron zum Text: ===================== Notes: ===================== (1) Uwe Afemann, Internet - another panacea to solve the world's problems ? http://www.rz.uni-osnabrueck.de/rz/special/misc/inet-3w/inet-3w.htm (2) First standards for HTTP were established (by ITU) in 1992, for WWW using HTML in 1993 (by the predecessor of the now standardising body, W3C or World Wide Web Consortium). After sufficiently many "Internet Service Providers" (ISP), i.e. points of access to the Net by individual users, had installed HTTP - and after sufficiently many ISP had established and offered dial-up access publicly -, the year of 1994 is now considered as the break-through date for the Web. (3) Historically and functionally, HTTP has merely been a specific, standardised set of commands for file retrieval according to the File Transfer Protocol (FTP) long existing; only the (usually) coupled application of a program which interpretes the mark-up (in HTML) of the text file thus retrieved, constitutes the specific category of (Inter)Net use. The basic functions of Net use are: Telnet (use of the basic Internet protocol, TCP/IP, and a packet driver on the individual client side, of a simple BBS-like, quasi-direct telecommunication connection) SMTP (Mail send/receive), later POP3 NNTP (Newsgroups messages retrieval) FTP (file transfer and retrieval) Gopher (an FTP based, menu-driven file retrieval system depending on servers responding to the specific client demands; has been marginalised by HTTP/WWW use - and server set-ups - despite its faster and much less cumbersome file/content transfer capability) Finger, and Ping/ICMP IRC ("chat" via keyboard, originally as a mode of Telnet use) Server functions: -- Time (& Daytime synchronisation) (ISP or backbone) -- Address/Domain name resolving -- Routing (the most important of all, costituing the "net" property) HTTP (and additionally, on the server side, CGI) i.e. processing of WWW addresses and client/server demands; all additional task of WWW/HTML, including processing of audio-visual elements, are strictly browser dependent presentations of HTTP-transported files on the client side. (4) http://www.mids.org/press/pr9701.html (5) The whole industry, and even regulatory bodies like the EU Commission or the ITU, expect unbroken optmistic increases of lines and channels to be available, and of exponential growth of transfer volumes (in terms of content as well as monetary value). Some scepticism seems appropriate though - taking the example of mobile telephones, the "population" of users was almost completely recruited from the one already connected to conventional telephone networks. Real new recruitment concerned economical elites in infrastructure deprevated regions with comparably high popolation density - capital cities in some African countries, Eastern Europe - where conventional telephone systems have broken down. (6) Shane Greenstein, Universal Service in the Digital Age. Conference paper, Symposium on The Impact of the Internet on Communications Policy, Harvard Information Infrastructure Project, Dec. 4-5, 1997 http://ksgwww.harvard.edu/iip/iicompol/Papers/Greenstein.html (7) Rather ridiculous examples may be found, of all places, at the "text_only" www-sources for the BBC's "Newsroom", the textual presentation of news features of the British BBC World Service radio(!). (Wrong) use of the HTML-"Table" elements, of colour attributes and the like, bloat the text of a simple news feature from 4,304 bytes to a 49,734 bytes HTML "document" to be downloaded. A sober - and appropriate - HTML mark-up would hardly add more than some hundred bytes to the original. Ever so, a random sample of HTML marked-up text items from that same source showed an increase of a quarter of the byte volume by the HTML-marks alone, and and increase of more than 300 per cent in volume between the the sheer text content of items - certainly line- and paragraph-formatted for good readability on a screen - and the final HTML-marked up page. (cf http://www.news.bbc.co.uk/text_only.htm) (8) Another example of inherent irrational development may be seen with other recent technological innovations, fax and Optical Character Recognition (OCR). The motive to develop OCR and its primary use for humans, it would seem, should be the access of the blind to written sources. It is not; its "economical" raison d'etre is to re-transform printed characters which originally had been stored and presented as bytes and transformed to print style, into stored bytes again. Almost amusing is the process where "word-processing" equipment and software is used to produce paper sheets which then are transmitted from a fax machine to another only to be read in by OCR hard-&-software there again in order to be "processed", read and stored. A global economical assessment might be rather damaging, not to speak of incidental ecological charges to our limited resources (bloat of paper consumption in general, and of that of the environmentally dangerous fax paper in particular). The perfectly appropriate technology of the first-generations PCs would do the job probably for a fraction of total "costs", and without the additional equipment for OCR. It may be reminded that these are real, social costs: resources spent on the means of organisation of our societies are taken from the available surplus value of productive work, and they are lost for other, meaningful employment, even if some (minor) parts of the economy - say, paper, fax, and scanner producers - may have their particular profit from it. (9) ARPA, the US-military network of linked (computer-)information sources, certainly had the function to serve a power-centered and hierarchical institution originally - even if this was a "public", but nontheless secrecy-obsessed one. Its very contruction however, as a completly decentralised, non- (or even anti-)hierarchical system made it nearly "by nature" a public thing. Once opened, the public of that time accepted it as such and contributed, again in a totally decentralised way, to its development and expansion. Much of what followed then may be interpreted as a permanent attempt to catch and cage the swarming birds (cf. the debate on privacy and censorship, concisely resumed in that respect in Katja Diefenbach, Kontrolle, Kulturalisierung, Neoloberalismus, in: P.Schultz, Ed., Netzkritik. Berlin: Edition-ID-Archiv 1997) (10) A tentative classification of "key actors" could look like this: -- owners/administrators of physical infrastructure: -- basic infrastucture -- telcos -- backbones/nodes (big) servers -- ISPs=interfaces -- (smaller/local)servers -- regulators: -- on infrastructure (basic/technical telco functions) -- on material access -- (at first) by public instances: administrations, universities, libraries -- on their material support (i.e., budget authorities) -- on physical inter-operablity (ITU) -- on software interoperability (ISO/W3C,ITU,...) -- on "content" (public legislators/judiciary) -- hardware/software producers -- for intermediary use (ISPs/backbones) -- terminal/end-user use (machines as well as applications) (11) The "